Am 11. November 2006 berichteten im Wiesbadener Raum viele Tageszeitungen über die ungewöhnliche Entsorgung personenbezogener Schülerdaten durch eine allzu unbekümmerte Lehrkraft.
Die Lehrerin hat diesen Berichten zufolge, Beobachtungsbögen mit personenbezogenen Daten der Kinder mit nach Hause genommen. Als sie nicht mehr benötigt wurden, habe die Lehrkraft sie einfach in den Hausmüll geworfen. Auf ungeklärte Weise gelangten die Papiere vom Hausmüll an den Straßenrand, wo sie von Passanten gefunden wurden.
Wem würde es schon gefallen, wenn wildfremde Menschen lesen, dass sein Sohn beispielsweise als daumenlutschender Bettnässer bezeichnet wird, oder die Tochter als Prinzesschen und Heulsuse eingestuft wurde? Geht es Passanten wirklich etwas an, dass eine Erzieherin der zukünftigen Schule eines kleinen Jungen bereits vorab Schwierigkeiten bei der Einhaltung von Schulregeln prophezeit?
Und ganz ehrlich – geht es seine zukünftigen Lehrer etwas an? Vielleicht hätte er zu dem heulenden Prinzesschen oder dem daumenlutschenden Bettnässer mit der kooperierenden, alleinerziehenden Mutter ohne diese Vorverurteilungs-Bogen ein prima Verhältnis aufbauen können? Schade um die Chance ...
Interessanterweise wusste den Berichten zufolge nicht einmal die Elternvertretung von der Existenz dieser „Erhebungsbögen“ mit Angaben über das Sozialverhalten der Kinder. Diese Aktenführung ohne ausdrückliches Wissen und Zustimmung der Eltern wirkt bedrohlich und wirft viele Fragen auf.
Werden Eltern über die Erhebung dieser doch sehr sensiblen Daten nicht informiert? Werden in Kitas und Schulen anlässlich der Einschulung keine Gespräche geführt, die die Auswertung dieser “Beobachtungsbogen“ zum Thema haben?
Bekommen Eltern keine Kopie?
Wie kann es sein, dass den Klassenlehrern bereits vor der ersten Schulstunde ein „Urteil“ über ihre Schüler vorliegt, von dem nicht einmal deren Eltern wissen?
Transparenz erzeugt Vertrauen ... welche Gefühle mögen solche geheimen Beobachtungen und Akten erzeugen?
Und noch etwas könnte man sich angesichts solcher Meldungen fragen. Wie viele „Akten“ dieser Art existieren in Kitas, Schulen und Ämtern noch über Eltern und Kinder?
In einer Gerichtsverhandlung wurde ich Zeuge von interessanten Aussagen einer Schulleiterin. Als sich Eltern über Handgreiflichkeiten und Demütigungen einer Lehrerin beschwerten, machte man sich emsig auf die Suche nach Negativinfos über die Opfer und die Rektorin auf dem „ganz kurzen Dienstweg“ Infos über die Kindergartenzeit der Schüler. „Datenschutz? Hach, das war mir gar nicht sooooo bewusst!“ plapperte sie frei heraus.
In manchen Bundesländern werden Schülerdaten übrigens sogar ZENTRAL verwaltet. Wann immer es um Datenschutz geht, wird das Schreckgespenst vom „gläsernen Bürger“ bemüht. Zu spät! Den gläsernen Schüler gibt es bereits.
Angelika Bachmann
LOA Lernen ohne Angst e.V.
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